
Von der Fussball-WM bis zum ESC: Wie Ereignisse zu Kommunikationsökosystemen werden
Wenn eine Fussball-Weltmeisterschaft beginnt, verändert sich mehr als der Spielplan. Plätze füllen sich, Restaurants werden zu Treffpunkten, Open Screenings entstehen und Grossanlässe verwandeln Städte in kommunikative Bühnen, auf denen Identität, Werte und Zukunftsbilder sichtbar werden.
Wenn eine Fussball-Weltmeisterschaft beginnt, verändert sich mehr als der Spielplan. Plätze füllen sich, Restaurants werden zu Treffpunkten, Open Screenings entstehen und Grossanlässe verwandeln Städte in kommunikative Bühnen, auf denen Identität, Werte und Zukunftsbilder sichtbar werden. Aus Kommunikationssicht schaffen Grossveranstaltungen temporäre Aufmerksamkeitsräume. Sie bündeln öffentliche Wahrnehmung und erzeugen eine gemeinsame Gesprächsgrundlage, die weit über das eigentliche Ereignis hinausreicht. Medien berichten bereits Monate vor dem Anlass, Unternehmen entwickeln Kampagnen, die Gastronomie schafft thematische Angebote und Städte inszenieren sich als Gastgeberinnen. Gleichzeitig verstärken soziale Medien diese Dynamik: Erlebnisse werden dort in Echtzeit verbreitet, kommentiert und weitergetragen.
So entstehen kommunikative Ökosysteme, in denen sich mediale Berichterstattung, persönliche Erfahrungen und öffentliche Inszenierungen gegenseitig beeinflussen. Das Ereignis wird dadurch nicht nur beobachtet, sondern aktiv erlebt, geteilt und weitererzählt.
An dieser Stelle wird auch das oft kritisch betrachtete Trittbrettfahren interessant. Im Marketing wird dieses Phänomen häufig unter dem Begriff Ambush Marketing diskutiert und nicht selten negativ bewertet. Dabei ist Ambush Marketing grundsätzlich nicht illegal. Unternehmen dürfen auf die Aufmerksamkeit eines Grossereignisses Bezug nehmen und diese kommunikativ nutzen, solange sie dabei keine Schutzrechte verletzen und nicht den irreführenden Eindruck erwecken, offizieller Partner oder Sponsor der Veranstaltung zu sein.
Aus Kommunikationssicht handelt es sich dabei um einen weit verbreiteten Mechanismus: Organisationen, Unternehmen und Institutionen knüpfen an Themen an, die bereits öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen, um ihre eigenen Botschaften in einen relevanten gesellschaftlichen Kontext einzubetten.
Besonders spannend sind dabei jene Dynamiken, die sich jeder Planung entziehen: spontane Public Viewings im Garten, improvisierte Treffpunkte auf öffentlichen Plätzen oder neue Rituale und Traditionen, die sich erst im Laufe eines Ereignisses entwickeln.
Ein gutes Beispiel dafür war der Eurovision Song Contest in Basel. Neben dem offiziellen Programm entstanden zahlreiche zusätzliche Angebote von Restaurants, Bars, Vereinen und Unternehmen. Viele dieser Aktivitäten standen in keinem offiziellen Zusammenhang mit dem Anlass. Dennoch trugen sie dazu bei, die Sichtbarkeit und Reichweite des Events zu erhöhen. Gerade solche Formen des kommunikativen Trittbrettfahrens zeigen, dass Grossanlässe ihre gesellschaftliche Wirkung oft erst durch die aktive Beteiligung vieler unterschiedlicher Akteure entfalten.
Vielleicht liegt genau in diesem Authentischen Austausch die wichtigste Erkenntnis für Marketing, Kommunikation und Stadtentwicklung.
Grossereignisse sind heute keine eingezäunten Veranstaltungen mehr, die ausschliesslich innerhalb ihrer offiziellen Grenzen stattfinden. Sie sind emotionale Kommunikationssysteme, welche Städte, öffentliche Räume und Gesprächskulturen temporär – und in manchen Fällen sogar dauerhaft – verändern. Sie schaffen Reibung, lösen Diskussionen aus, verbinden Menschen und machen sichtbar, was gesellschaftlich gerade relevant ist.
Nicht mitzudenken kann für ein Unternehmen deshalb die grössere verpasste Chance sein.
Gleichzeitig gilt: Nicht jedes Unternehmen muss bei jedem Grossereignis mitmachen. Erfolgreiche Kommunikation entsteht nicht durch blosse Präsenz, sondern durch Relevanz. Bevor Ressourcen investiert werden, sollte geprüft werden, ob ein glaubwürdiger Bezug besteht, die Umsetzung realistisch ist und die Aktivität einen echten Mehrwert schafft. Mitmachen sollte immer eine bewusste strategische Entscheidung sein – keine Pflichtübung.
Do’s – Wann und wie mitmachen?
- Wenn das Ereignis zur eigenen Geschichte, Mission oder Positionierung passt.
- Wenn ein echter Beitrag statt bloss eine Präsenz möglich ist.
- Wenn neue Begegnungen, Gespräche oder Erfahrungen entstehen können.
- Wenn die Beteiligung bestehende Beziehungen stärkt oder neue Zielgruppen erschliesst.
- Wenn die Aktivität einen langfristigen Kommunikationsnutzen entfaltet.
Don’ts – Wann eher nicht?
- Wenn die Verbindung zum Ereignis konstruiert statt authentisch wirkt.
- Wenn Aufmerksamkeit wichtiger wird als Relevanz.
- Wenn die Aktion mehr über das Ereignis aussagt als über die eigene Organisation.
- Wenn Ressourcen gebunden werden, die an anderer Stelle wirkungsvoller eingesetzt wären.
- Wenn der Beitrag keinen Mehrwert für Kundschaft, Mitarbeitende oder die Öffentlichkeit schafft.
- Wenn das Risiko eines Glaubwürdigkeitsverlusts grösser ist als der kommunikative Nutzen.
Fazit
Erfolgreiches Mitmachen bedeutet, die Aufmerksamkeit eines Grossereignisses sinnvoll in die eigene Rolle, die eigenen Werte und die eigene Community zu übersetzen. Wer einen echten Mehrwert schafft, wird Teil des Erlebnisses. Wer lediglich Aufmerksamkeit abschöpfen möchte ohne Strategie, riskiert dagegen, als opportunistisch wahrgenommen zu werden.
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